Über die Schönheit des Sterbens

Ich durfte im Oktober einen mir sehr wichtigen Menschen in seinen letzten Tagen begleiten: meine eigene Mutter. Was für ein Geschenk! Es war eine Zeit voller Herausforderungen und Schmerz, aber auch voller Schönheit, Liebe und Gnade. Ich möchte keine Sekunde missen.

 

Der Sterbeprozess macht wach und klar. Alles, was ungeklärt ist, kommt an die Oberfläche – Situationen, Beziehungen, unterdrückte Gefühle. Und zwar nicht nur beim Sterbenden, sondern auch bei allen, die mit dem Sterbenden sind.

 

Da war kein Platz für das sonst so bekannte Gedankenkarussell, es hat mich absolut in den Moment, ins Hier und Jetzt befördert. Ich konnte nur Schritt für Schritt gehen. Planen war unmöglich. Kontrolle war unmöglich. Der Tod (wie im übrigen auch das Leben) lassen sich nicht kontrollieren – er löst jegliche Kontrollmechanismen auf, einen nach dem anderen. Entweder bist du im Widerstand und kämpfst oder du akzeptierst das, was ist. Solange du kontrollierst, kannst du nicht loslassen.

 

Es gab eine Zeit, in der ich im Kampf war – mit dem physischen Schmerz, den meine Mutter hatte. Großer Schmerz, trotz Schmerzmittel. Es ist so verdammt schwierig, jemanden den man liebt, im Schmerz zu sehen und nicht helfen zu können... Ich konnte nicht verstehen, wieso das sein muss. Ich wollte, dass dieser Schmerz geht. Ich wusste aber auch, dass mein Kampf meine Mutter in ihrem Sterbeprozess behindern würde. Es fiel mir so schwer, da zu bleiben – am liebsten hätte ich beide Augen zugemacht und wäre abgehauen. Doch das wollte ich auch nicht.

 

Meine Verzweiflung wuchs und so bat ich eine Mentorin um Unterstützung und setzte mich mit diesem Schmerz auseinander. Sie sagte zu mir: Für die meisten von uns ist wohl der größte Schmerz derjenige, der nie gesehen, nie anerkannt, nie gefühlt oder ausgedrückt wurde – der ungesehen und ungehört in uns ist, der ein ganzes Leben lang nicht akzeptiert und unterdrückt wurde. Der Schmerz, von dem niemand je wusste, dass er in uns existiert.

 

Im Sterben zeigt sich dieser Schmerz. Dann weißt du, dass es ihn gibt. Er kommt in der ein oder anderen Form hoch...

 

Und dann ist das größte Geschenk, das wir dem Sterbenden machen können, ihm unsere Offenheit, unsere liebevolle Präsenz und unser Mitgefühl mit seinem Prozess und seinem Leben zu geben – mit ALLEM, was ist. Egal was es ist. Akzeptieren, dass es so ist wie es ist.

 


So durfte ich meine eigene absolute Hoffnungs- und Hilflosigkeit fühlen, die Ohnmacht und Wut und alles, was es sonst noch in mir hochbrachte: Denn das war es, was notwendig – not-wendend war. Eines nach dem anderen durfte ich mir anschauen, annehmen und durchfühlen, um es zu klären, loszulassen und mich dann weiter und freier zu fühlen.

 

Ein machtvoller Prozess, der mir dabei geholfen hat, präsent mit meiner Mutter zu bleiben – und das war es, was ihr am meisten gedient hat. Einverstanden sein mit dem, was ich nicht ändern kann. Und dadurch in einen Zustand des inneren Friedens kommen – denn genau das ist es, was ein Sterbender von Anwesenden braucht: Völliges Annehmen und Loslassen und dass jemand sein Herz so weit aufmacht, dass all dieser Schmerz sich zeigen darf und mitfühlend bezeugt wird. Sich etwas Größerem so vollständig anvertrauen, dass sich dadurch die Angst und das Leid auflösen können.

 

Was übrig blieb, war der Schmerz - ja der blieb! – doch das Leiden hat sich wirklich aufgelöst und die unermessliche Liebe und Gnade der Göttlichen Mutter tauchte dahinter auf und hat uns alle eingehüllt, genährt, liebkost und gehalten. Das ist mit Worten nicht zu beschreiben.

 

 

Das ist es, was einen Menschen erlaubt, diesen Übergang im Frieden zu erleben und was alle Hinterbliebenen in einen absolut erweiterten wundersamen Bewusstseinszustand versetzt, der uns eine Idee davon vermittelt, was und wer wir wirklich sind.

 

Das macht die Seele frei und glücklich. Auch die der Hinterbliebenen.

 

Der Tod ist unglaublich schön, wenn der Sterbende und alle um ihn herum im Frieden, im Einverständnis sind. Wenn dieser Kampf aufgehört hat, ist da nur noch unendliche Schönheit und Gnade, die tief berührt und das Herz weit öffnet für die Kostbarkeit des Lebens, die Kostbarkeit jedes einzelnen Augenblicks. Denn das ist alles, was wir haben.

 

Es wird deutlich, was wirklich wichtig ist. Klarheit und Fokus sind die Geschenke, die wir hier bekommen. Unser inneres Seelenfeuer wird angefacht und erlaubt uns, uns hingebungsvoll und voller Leidenschaft dem zu widmen, was uns wirklich wichtig ist.

 

Und ja, dieser wundervolle Zustand der Gnade hält eine ganze Zeit lang an... dann beginn er zu verblassen. Und dann geht es an die eigentliche Trauerarbeit, an das Verarbeiten und Integrieren des menschlichen Verlusts. Und ans Umsetzen dessen in unserem Leben, was wir als wesentlich erkannt haben. In diesem Prozess befinde ich mich nun.

 

Im eigenen Trauerpozess kommen viele Gefühle hoch, nicht nur Traurigkeit. Da ist Wut. Da ist Verleugnen, nicht haben Wollen, im Widerstand sein. Da ist manchmal Taubheit. Und Versinken in wahren Emotionsfluten. Trauer ist vielseitig und es gibt kein 'so ist es richtig und so lang darf es dauern'. Du selbst bist dein bester Führer. Du weißt, was du brauchst, um das zu verarbeiten. Schenke dir die Zeit dafür - das ist das größte Geschenk, das du dir selbst in dieser Lage machen kannst.

 

Ich danke meiner Mutter, dass sie mir das Leben geschenkt hat und ich in ihrem Sterben Zeugin der unendlichen göttlichen Liebe werden durfte, aus der wir alle kommen und in die wir alle zurück kehren.

 

Liebe Mama, ich liebe dich bis in die tiefsten Tiefen meiner Seele. Sei gesegnet und behütet auf all deinen Wegen. Meine Liebe und Dankbarkeit begleiten dich.

Deine Ulrike

 

 

P.S. Und noch eine wichtige Sache: Wir können uns mit jedem Atemzug, jeden Tag, zu jedem Zeitpunkt in unserem Leben unserem inneren Schmerz zuwenden, ihn fühlen und so lösen und heilen. Dafür haben wir ein ganzes Leben lang Zeit - wir müssen es nur tun!  Dann kann das Sterben so leicht sein, wie ein Spaziergang. Schmerz gehört nicht zwangsweise zum Sterben dazu, genausowenig wie bei der Geburt.

Wir brauchen nicht nur eine neue Geburtskultur, sondern auch eine neue Sterbekultur. Es ist so wichtig, das wir uns wieder daran erinnern, wie wir uns auf diese elementaren Übergänge vorbereiten können.

Das ist es, wofür mein Herz brennt: Das achtsame Begleiten von Lebensübergängen jeder Art -  so dass wir kraftvoll und gestärkt in die neue Phase gehen können.

 

Wenn auch du Trauer in dir trägst - sei es dass du einen lieben Menschen verloren hast, Träume begraben musstest, eine Trennung zu verdauen hast oder dir etwas wirklich Schlimmes passiert ist, was dich traumatisiert hat oder jeder andere Anlass, der Trauer in dir auslöst: Komm zu unserem Schamanischen Trauerritual vom 25.-26. November 2017!

 

Es bietet dir einen wundervollen, geschützten, kraftvollen Raum, diese Trauer loszulassen und frei zu werden für neues Leben, das durch dich geboren werden will. > Hier < findest du mehr Information und kannst dich anmelden.

 

Wir freuen uns auf dich!

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Kommentare: 1
  • #1

    Annika (Samstag, 11 November 2017 16:53)

    Liebe Ulrike, ich bin tief berührt von deinen Worten! Deine Gefühle und die Energie zu dem von dir Erlebten sind so spürbar! Danke für deine liebevolle Offenheit und das Teilhabenlassen! Alles Liebe für dich!

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